Brief eines alten Bruders an die jungen Geschwister.
Stillstand, besonders in geistlicher Hinsicht, ist Rückgang! Das ist für alle Gläubige wahr, besonders aber für junge Menschen, die den Herrn bekennen.
Es liegt mir nun auf dem Herzen, die Aufmerksamkeit meiner jungen Leser einmal an Hand der Geschichte des jungen Samuel auf diesen Grundsatz zu richten.
Hanna, Samuels Mutter, war eine Beterin und Samuel war ein betendes Kind. Weil Hanna ihren Sohn von Gott erbeten hatte, so wollte sie ihn nun auch Gott weihen. Eine betende Mutter zu haben ist immer ein unschätzbares Vorrecht. So hatte auch Samuel von seiner Mutter schon frühe das Beten gelernt. Deshalb wird er in Psalm 99,6 und in Jeremia 15,1 als einer bezeichnet, der den Namen Jehovas anrief, der vor Jehova stand.
Als Hanna ihren Sohn entwöhnt hatte, brachte sie ihn zu dem Priester Eli. Samuel war damals sehr jung (1. Sam 1,24). Wir dürfen ihn vielleicht auf etwa 6 Jahre schätzen. Die Aufgabe der Mutter, ihr Kind in den ersten Lebensjahren aufzuziehen, war nun vollbracht. Jetzt sollte Samuel unter die Aufsicht und die Anleitung des Eli kommen. Dieser sollte nun sein Lehrmeister werden. Das erste, was wir nun von Samuel hören, ist dieses: "Er betete daselbst Jehova an" (1. Sam 1,28). Der Grundtext kann auch übersetzt werden: "Sie beteten daselbst Jehova an!" Das würde sich gemeinsam auf Samuel und seine Mutter Hanna beziehen. Seht also, wie Samuel, obwohl er noch so jung war, doch schon das Angesicht Gottes sucht! Wahrlich, ein schöner Beginn seiner Lehrjahre!
Indes, bald sind die Kinderjahre für Samuel vorüber und wir finden ihn nun in 1. Sam 2,11 als herangewachsenen Knaben. (Das Wort, das hier mit Knabe übersetzt ist, bedeutet im Hebräischen eigentlich "junger Mensch"). Wir sehen, daß der Knabe nicht nur leiblich, sondern auch geistlich gewachsen ist. Der jugendliche Samuel hatte sich nicht mit dem Gedanken zufrieden gegeben, es genüge ja doch eigentlich, daß er an Jehova, seinen Gott, gläubig sei, nein, es war der Wunsch seines Herzens, nun aber auch als ein Gläubiger in der Furcht Gottes zu wandeln und auf dem Platze, auf den ihn Gott gestellt hatte, Ihm zu dienen. Und dieser ihm von Gott Selber angewiesene Platz war jetzt vor dem Angesichte des Priesters Eli. Samuel erkennt diesen als seinen Lehrer an und läßt sich von ihm unterweisen. "Der Knabe aber diente Jehova vor Eli, dem Priester!"
Er muß zwar in dieser Zeit viele Dinge im Hause Elis sehen, wie sie im Hause eines Priesters Jehovas nicht gefunden werden sollten. Aber Samuel spricht nicht davon und urteilt auch nicht über diese Dinge. Treu erfüllt er vielmehr sie ihm von Gott Selber aufgetragene Pflicht und dient. Wie schön ist das! Trotz allem, was er an Traurigem in Elis Umgebung erblicken muß, setzt das doch nicht die Achtung herab, die er als junger Mensch dem alten Eli schuldet.
Ihr jungen Leute! Wollt ihr nicht in diesem Stücke etwas von Samuel lernen? Wie leicht mag es sein, daß ihr euch mit den Mängeln und Schwachheiten der altgewordenen Diener des Herrn beschäftigt, daß ihr darüber miteinander redet und Kritik übt. Darüber geht euch dann die dem Alter schuldige Achtung verloren und ihr vergeßt, daß ihr euch selbser damit einen großen Schaden zufügt. Dann könnt ihr nämlich nicht mehr in wohlgefälliger Weise dem Herrn dienen. Solange ihr solch eine böse und damit auch den Herrn des Knechtes entehrende Kritik ausübt, kann Er euch kein geistliches Wachstum schenken. Gewiß, das Verkehrte an den Älteren soll keineswegs gutgeheißen werden. (Da mag wohl auch gar manchmal ein zurechthelfender Dienst geistgewirkter Liebe angebracht sein. Aber darin haben die jungen und noch unerfahrenen Brüder größte Zurückhaltung zu üben, damit nicht aus der gottgewollten Tätigkeit der Liebe eine aus dem Fleische kommende Kritik wird. Solche ist immer vom Übel und steht dem Alter gegenüber am wenigsten den jungen Menschen zu.) Möchten vielmehr die jüngeren Brüder das, was sie an den älterenbeschwert, um so dringlicher vor den Herrn bringen. Ich bin gewiß, daß auch Samuel nur in solcher Weise für seinen alt und schwach gewordenen Lehrer und für dessen ungeratenen Söhne fürbittend eingetreten ist.
Das Nächste, was wir dann von Samuel lesen, finden wir in Vers 18. "Und Samuel diente vor Jeheva, ein Knabe (Jüngling), umgürtet mit einen leinenen Ephod."
Er stand slao nicht nur vor Eli, sondern Samuel war sich auch bewußt, daß er in Ausübung seines Dienstes vor Jehova stand. Welch eine Kraft wird gerade dieses Bewußtsein dem jungen Menschen in seinem täglichen Dienste verliehen haben, das Bewußtsein: "Ich stehe vor Gott!" Indem er sich also von all dem ihn umgebenden Bösen persönlich getrennt hielt, fragte er ganz allein danach, was Jehova von ihm erwartete. So nahm er zu in der Gnade und trug seinen Leibrock aus weißem Linnen zur Ehre Gottes und in Seinem Dienste.
Ihr jungen Freunde! Möchtet nicht auch ihr mit der gleichen Herzenshingabe wie Samuel etwas für den Herrn tun? Wir leben ja in einer Zeit des größten geistlichen Verfalls. Es sind heute die "letzten Tage" nahegekommen, von denen der Apostel Paulus zu Timotheus im 3. Kapitel seines zweiten Briefes spricht. Der Verfall in der Christenheit nimmt von Tag zu Tag zu. Da wird es für den Gläubigen immer schwieriger, den ihm vom Herrn beigelegten "weißlinnenen Leibrock " rein zu halten. Und doch hat jder Gläubige, ob jung oder alt, einen solchen weißen Leibrock, um im Bilde zu sprechen, erhalten. Es soll mit anderen Worten Gott in Reinheit und Heiligkeit dienen. Bleibt deshalb nicht bei eurer Bekehrung stehen, sondern lernt es, in eurem persönlichen Wandel und Zeugnis treu zu sein. Wachset in der Gnade und in der Erkenntnis des Herrn Jesus, Der euch mit Seinem Blute erkauft hat. Ihr seid nun Sein Eigentum und deshalb dazu berufen Ihm zu dienen.
Das Dritte, was uns dann von Samuel berichtet wird, ist: "Der Knabe (Jüngling) Samuel wurde groß bei Jehova" (1. Sam 2,21). Ja, auch junge Menschen können in den Augen Gottes groß sein. Das Auge Jehovas ruhte hier mit Freuden auf Seinem jungen Diener. Gott kannte wohl die schwierigen Umstände, in welchen Samuel sich befand. Samuel konnte mit Elis Söhnen unmöglich einen geistlichen Verkehr haben. Er stand allein vor seinem alten Lehrer und er verwandte deshalb seine ganze Zeit im Dienste Jehovas und wandelte in der Gemeinschaft mit Gott. Das aber war "groß" in Gottes Augen. Wie sehr beschämt darin Samuel viele.
Die Anerkennung des Herrn zu besitzen, ist auch heute noch das Größte, was der Gläubige haben kann. Und was bedeutet ein solches Ihm geweihtes Leben für Gott? Wie wird es Sein Herz mit tiefem Schmerz erfüllt haben, wenn Er auf das böse Tun und Treiben der Söhne Elis schaute! Welch eine große Freude aber wird es für Sein Herz gewesen sein, wenn Er dagegen den Samuel mit solch einer völligen Hingabe den ihm aufgetragenen Dienst zur Ehre Jehovas erfüllt sah!
"Und der Knabe (Jüngling) Samuel wurde fort und fort größer und angenehmer, sowohl bei Jehova als auch bei den Menschen" (1. Sa, 2, Vers 26). Wech ein schönes Zeugnis! Samuel war also nicht nur groß in Gottes Augen, sondern er war auch angenehm für Sein Herz. Und außerdem wurde Samuel auch groß und angenehm bei den Menschen. Das kann auch wohl kaum anders sein; denn es kann ja den Menschen um ihn her nicht verborgen bleiben, wenn der Gläubige in der entschiedenheit eines treuen Wandels zunimmt und wenn er wächst in einem vertrauten Herzensumgang mit dem Herrn. Dann wird die Anerkennung nicht ausbleiben können. -Ist es nicht auch sehr beachtenswert, daß genau dasselbe von dem Knaben Jesus berichtet wird? Von Ihm lesen wir in Luk 2,52: "Und Jesus nahm zu an Weisheit und Größe und an Gunst bei Gott und den Menschen." Bei Ihm freilich war alles vollkommen, bei Samuel dagegen nur menschlich schwach, aber dennoch ist auch über Samuel das Zeugnis des Heiligen Geistes dasselbe. Laßt uns doch nicht betreffs dessen, wie die Menschen über uns urteilen, gleichgültig sein. Auch ihrem Urteile kommt gewiß Bedeutung zu. Paulus beteuerte dem Landpfleger Felix gegenüber: "Ich übe mich, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen" (Apg 24,16).
"Und der Knabe (Jüngling) Samuel diente Jehova vor Eli. Und das Wort Jehovas war selten in seinen Tagen, Gesichte waren nicht häufig" (1. Sam 3,1).
Wir dürfen wohl annehmen, daß Samuel inzwischen schon sehr viel älter geworden war. Wir dürfen ihn hier vielleicht schon auf etwa 30 Jahre schätzen; denn das war in Israel das Lebensalter, vor dem man nicht öffentlich auftrat. Zudem können wir es uns auch kaum vorstellen, daß Gott einem so jungen Menschen von etwa nur 15 Jahren solche Mitteilungen gemacht haben würde, wie Er sie hier dem Samuel betreffend das Haus des Eli gegeben hat. Wie dem aber auch sei, wenn hier das "Wort Jehovas" zuerst dem Samuel offenbart wird, so ist das nur ein neuer Beweis dafür, daß Samuel auf dem Wege des Herrn und in der Gottesfurcht weitere Fortschritte gemacht haben muß. So hat sich bei Samuel in besonderer Weise das Wort aus Psalm 25,14 erfüllt: "Das Geheimnis Jehovas ist für die, welche Ihn fürchten, und Sein Bund, um ihnen denselben kundzutun". Durch solch ein Wort kann die tiefe Gottesfurcht, die auch im Herzen des Samuel zu finden war, nur bestätigt werden.
Junge Freunde! Achtet es wert, wenn der Herr euch in geistlicher Hinsicht etwas anvertraut hat, indem ihr dann um so mehr in Gottesfurcht zu wandeln begehrt. Und möchte dann auch euer Wachstum in eurer Umgebung offenbar werden! Ja, möchte dann euer Leben nicht nutzlos bleiben sowohl für den Herrn als auch für die Menschen. Weiht alle eute Kräfte Dem, Den ihr als euren Heiland und Herrn bekennt, Der euch mit Seinem Blute erkauft hat und deshalb auch ein Anrecht auf euch besitzt.
Und endlich "erkannte ganz Israel von Dan bis Beerseba, daß Samuel als Prophet bestätigt war" (1. Sam 3,20). Hier haben wir nun den Samuel schon als einen erwachsenen Mann in der Vollkraft seiner Jahre. Da steht er zwischen Gott und dem Volke als der Mittler. Jehova offenbart Sich Seinem Knechte (1. Sam 3,21) und Samuel gibt das Wort Jehovas weiter an das Volk (1. Sam 4,1). Ist das nicht herrlich? Ganz Israel erkannte, daß Samuel ihm von Gott als Prophet gegeben war. Herrliches Ergebnis seines geistlichen Wachstums und seines treuen Wandels!
Will jemand von euch in der einen oder anderen Arbeit für den Herrn die Anerkennung der Gläubigen finden, dann muß er vor allem in Demut und Treue seinen Weg gehen, und dann wird Gott Selbser in den Herzen der anderen die Anerkennung wirken.
Dem Timotheus schreibt der Apostel einmal: "Niemand verachte deine Jugend!" (1. Tim 4,2), das will sagen: Verhalte dich so vorbildlich unter den Gläubigen, daß alle von deiner Berufung überzeugt sein müssen. Und dann wirkt der Herr auch die Anerkennung.
Kein Stillstand also, sondern schreitet vorwärts aber in der Abhängigkeit vom Herrn und in Seiner Kraft, damit eurer Wachstum unter allen offenbar sei! Dazu wolle der Herr diese Ausführungen an euren jungen Herzen segnen!
J. A. Vellekoop (gest. 1944)