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E+E 1959
Betrachtet man die großen bekennenden Kirchen, so findet man, daß sie sich auf die Lehre von den sogenannten Sakramenten stützen. Nach dieser Lehre werden den Menschen bei der betreffenden heiligen Handlung Gnadengüter mitgeteilt. Wenn auch hierbei die gläubige Annahme der Lehre durch die Teilnehmer Voraussetzung ist, so hat doch die Sakramentenlehre außerordentlich viel zur Veräußerlichung und Verflachung des Christentums beigetragen. In der evangelischen Kirche, die zwei Sakramente anerkennt: Taufe und Abendmahl, zeigt sich in der Regel folgendes Bild: Nachdem ein Kind im Alter von wenigen Wochen oder Monaten getauft worden ist, übernehmen die Paten die Sorge für das geistliche Wohl des Täuflings. Meistens besteht die vorgebliche Sorge der Paten in einem gelegentlichen Beschenken des Patenkindes. Später erhält das Kind einen Unterricht in der christlichen Lehre (Konfirmandenunterricht), der mit der Konfirmation abschließt. Durch die Konfirmation, von der wir in der Bibel übringends kein Wort finden, wird der junge "Christ" ein vollwertiges Glied der Kirche und empfängt zum ersten Mal, oftmals auch damit zum letzten Mal, das hl. Abendmahl. Die sogenannte "Einsegnung" ist für viele, wenn nicht gar die meisten, eine Art Aussegnung geworden, denn sie kommen mit der Kirche fast nicht mehr in Berührung, höchstens nur noch bei Trauungen, Beerdigungen und sonstigen Feierlichkeiten. Eine bekannte Tageszeitung schrieb im Anschluß an die im Januar 1959 stattgefundene Synode der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg u. a.: Vergeblich haben in den vergangenen Jahrzehnten profilierte Theologen (von Wichern bis Bonhoeffer) davor gewarnt, weiter so zu tun, als sei das "christliche Abendland" von Liberalismus und Industriealisierung unberührt geblieben. Sie bleiben Rufer in der Wüste. Jährlich konfirmierte die Kirche Zehntausende junger Menschen, die es aber dabei bewenden ließen, Kirchensteuer-Christen zu sein. Die Kirche hielt an der trügerischen Größe der Zahl fest.
So beruht dür viele das Christ-sein auf rein äußerlichen Dingen, auf einer Taufe, von welcher der Getaufte gar nichts weiß, auf einen Unterricht, dessen Wirkung im allgemeinen nur auf ein verstandesmäßiges Aufnehmen der Lehren geprüft wird, ohne daß auf eine innerliche Erneuerung gedrungen wird, und auf den Genuß des Abendmahls, um der Vergebung der Sünden teilhaftig zu werden. (DAs die Wirkung des Bibelwortes hie und da tiefer geht und einen Menschen umgestaltet, kommt leider verhältnismäßig selten vor.) Für einen großen Teil der bekennenden Christen handelt es sich lediglich um eine Form, der man eben glaubt genügen zu müssen. Man meint, durch Taufe und Abendmahl mit Gott im reinen zu sein; im übrigen hat ja auch der "Seelsorger" die Sorge für ihr geistliches Wohl übernommen. So sind sehr viele Menschen durch die verbreitete Anschauung über die "gnadenspendende" Kraft der Sakramente in völlige Sicherheit gewiegt, ob zu Recht oder Unrecht, soll in einem der folgenden Abschnitte untersucht werden. Das Gewissen solcher Personen kommt nicht in Tätigkeit, und man ist bestenfalls bemüht, die "notwendigen" christlichen Formen und Zeremonien einzuhalten.
Auf diese Weise werden auch die christlichen Feste ihres Inhalts beraubt. Wer von den christlichen Bekennern denkt noch zum "Christfeste" an die Geburt des Heilandes? Brauchen wir überhaupt einen Heiland? Es ist im Grunde ein "Fest des Schenkens". Nicht als ob das gegenseitige Beschenken keine gute Sitte sei, aber ursprünglich war das Schenken ein Ausfluß des Festes, an dem man des großen Geschenkes Gottes an die Menschen, des Erlösers Jesus Christus, gedachte. Jetzt ist mit dem Weihnachtsfeste vielfach Rummel und Lustbarkeit verbunden, und für manche ist das Fest eine reine Geschäftssache geworden. Selbst in Tageszeitungen wird über diese Entartung beweglich Klare geführt. Der Himmelfahrtstag ist zum "Vatertag" geworden und gibt oft Anlaß zu unwürdigen Ausschreitungen. Wie viele denken noch an Tod und Auferstehung des Herrn, An Seine Himmelfahrt? Das praktische Leben der Christen wird nicht mehr von den Lehren der Bibel beeinflußt. Das Leben von Mann und Frau in der Ehe, die Fragen der Kindererziehung und der Betreuung der jungen Menschen, das Verhältnis zu den Mitmenschen, die Gesetzgebung und Rechtssprechung werden kaum noch von der Bibel her bestimmt. Kann man sich wundern, wenn die Menschen immer haltloser werden und immer häufiger der Verzweiflung anheimfallen? Ehescheidungen und Selbstmorde treten immer mehr in Erscheinung, und die Kriminalität nimmt zu. Für viele scheint die Bibel nur dazu da zu sein, daß der Pfarrer ein Wort daraus seiner Predigt zugrunde legt, und daß die Schrift vielleicht noch bei Feierlichkeiten zitiert wird. So ist das Bild weithin, wenn auch nicht verkannt werden darf, daß es auch solche gibt, die es mit ihrem Christentum ernst nehmen. Aber sie fallen angesichts der großen Masse der Bekenner kaum ins Gewicht.
Für diese traurigen Zustände kann es nur zwei Erklärungen geben: Entweder leben diese Christen wirklich gemäß den Belehrungen der Bibel, und dann wäre damit allerdings bewiesen, daß die Bibel wertlos ist, da sie nicht vermocht hat, den Menschen aus seinem traurigen Zustand herauszuführen; oder aber die Christen gehen ihren Weg, ohne sich um die biblische Lehre zu kümmern. Hierüber sollen die weiteren Abschnitte Klarheit bringen, wobei wir uns aber nur zu der Quelle des Christentums hinwenden können, zu jenem Buche, welches sich das Wort Gottes nennt und auf welches sich zu stützen ja alle Kirchen und Gemeinden vorgeben. Alle Beimischungen, alle Lehren, welche Menschen hinzugefügt haben, können bei der Beantwortung unserer Frage nicht in Betracht kommen, da sie nicht göttliche Autorität besitzen wie die Heilige Schrift selbst. Wegen der Fülle des Stoffes, und um eine möglichst geringe Kenntnis christlicher Dinge vorausstzen zu können, müssen wir uns auf einige Punkte beschränken, deren Beleuchtung aber die Beantwortung der aufgeworfenen Frage ermöglichen wird.
Zunächst sei jedoch ein sehr grundlegendes, allgemeines Thema behandelt, nämlich der Glaube.
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