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Matthäus 24,32-44
Ab Kapitel 24,32 unterbricht der Herr Seine Belehrungen über die große Drangsal und Seine Erscheinung durch verschiedene Ermahnungen und Gleichnisse, die sich auf die Zeit Seiner Abwesenheit von der Welt beziehnen. Zunächst fordert Er die Jünger, die Repräsentanten des jüdischen Überrestes, zur Wachsamkeit und zum Warten auf, da sie nicht wissen, wann Er erscheinen wird (Matth 24,32-44). Ab Vers 45 steht jedoch nicht mehr das jüdische Volk im Mittelpunkt, sondern es handelt sich jetzt um die christliche Epoche, wie eine genauere Betrachtung des Inhalts noch zeigen wird. In den Versen 45-51 spricht Er die besondere Verantwortung der Diener an. Dann folgt in Kapitel 25,1-13 das Gleichnis von den zehn Jungfrauen und schließlich in den Versen 14-30 das Gleichnis von den Talenten. In Kapitel 25,31-46 setzt der Herr dann die in Kapitel 24,31 unterbrochenen Gedankenfolge mit der Ankündigung des Gerichts der Nationen bei Seiner Erscheinung fort.
Der Feigenbaum
Seinen Apell zur Wachsamkeit leitet Er mit den Worten ein: "Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter hervortreibt, so erkennt ihr, daß der Sommer nahe ist" (Vers 32). Ohne Zweifel ist der Feigenbaum hier eine symbolische Bezeichnung für das jüdische Volk. In Hosea 9,10 sagt Gott: "Ich fand Israel wie Trauben in der Wüste; wie eine Frühfrucht am Feigenbaum ... ersah ich eure Väter", und in Joel 1, wo Er klagen muß, daß Sein Land von einer mächtigen Nation heimgesucht wird, heißt es in Vers 7: "Sie hatten meinen Weinstock zu einer Wüste gemacht und meinen Feigenbaum zerknickt." Auch der Herr Jesus benutzt in Lukas 13,6-9 das Bild des Feigenbaums für das ungläubige jüdische Volk, das den Dienst des Sohnes des Menschen erfuhr und doch als Ganzes gesehen unfruchtbar blieb. In Matthäus 21,19 spricht Er das Urteil über einen Feigenbaum aus, der keine Früchte trägt. Das Wunder dieses verdorrten Feigenbaums und die Begebenheit, bei der die unreinen Geister in eine Schweineherde fuhren (Mt 8,30-32), sind übrigens die einzigen Zeichen des Herrn, in denen nicht die Gnade hervorstrahlt, sondern das Gericht über das jüdische Volk angekündigt wird.
Wie der Feigenbaum durch seine Zweige und Blätter den bestehenden Sommer ankündigt, so sollen auch die vorher genannten Ereignisse von Seinen Jüngern als Zeichen der Zeit erkannt werden: "Ebenso auch ihr, wenn ihr das alles seht, so erkennt, daß es nahe an der Tür ist" (Vers 33). Für das Volk der Juden sind die Erkennungszeichen insbesonderer die Verfolgung des gläubigen Überrestes (Vers 9), die Aufstellung des Greuls der Verwüstung im Tempel (Vers 15) und das Auftreten der falschen Propheten (Vers 24).
Vorher muß das Volk sich natürlich wieder in dem Land befinden, aus dem es nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. vertrieben wurde. Die Errichtung des jüdischen Staates im Land Israel ist in unserer Zeit bereits Geschichte geworden. Dieses nationale Erwachen des Volkes dürfen wir jedoch nicht mit dem noch bevorstehenden geistlichen Erwachen verwechseln, das in der Erwartung des Messias seinenAusdruck finden wird.1
Wenn der Herr die Jünger hier wieder direkt mit "ihr" anredet, dann bedeutet das keinesfalls, daß sie alles dies selbst miterleben würden. Auch in Vers 15 hatte Er so gesprochen, und wir erinnern uns daran, daß Er in Seiner Endzeitrede die Geschichte Israels bis zu Seiner sichtbaren Rückkehr schildert, wobei die Zeit, in der die Juden aud em Land vertrieben sein würden, übersprungen wird. So spricht Er in diesem Abschnitt immer wieder Seine Jünger an und meint doch den gläubigen Teil des jüdischen Volkes in der Zukunft. Seine folgenden Worte geben die Erklärung dafür. "Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist" (Vers 34). Das Wort "Geschlecht" hat hier nicht die Bedeutung "Generation", sondern bezeichnet die Juden, die als Ganzes gesehen vor der Erscheinung des Herrn genauso ungläubig sein werden wie damals. Alles, was Er ihnen ankündigt, wird mit Sicherheit in Erfüllung gehen. Das Geschlecht der ungläubigen Juden wird noch existieren, wenn alle Seine Vorhersagen eintreffen. Aber Seine Worte reichen weit darüber hinaus: "Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen" (Vers 35). Hier steht der von Seinem Volk verworfene Messias, der verachtete Sohn des Menschen, und spricht Worte, die Ihn als den ewigen Gott ausweisen. Aussprüche berühmter Menschen mögen Generationen überdauern, aber einmal geraten auch sie in Vergessenheit. Doch die Worte des Sohnes Gottes bleiben wie Er selbst in Ewigkeit. Nach dem Tausendjährigen Reich werden "die Himmel vergehen ... mit gewaltigem Geräusch, die Elemente aber im Brand werden aufgelöst und die Erde und die Werke auf ihr werden verbrannt werden" (2. Pet 3,10). Nicht so die Worte unseres Herrn. Sie werden nicht nur in Erfüllung gehen, sondern in Ewigkeit bezeugen, daß sie Wahrheit sind, so wie Er die Wahrheit ist.
Die Ankunft des Sohnes des Menschen
"Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein" (Vers 36). Den Augenblick, an dem der Herr Jesus als verherrlichter Sohn des Menschen erscheinen wird, um Seine Regierung über das Tausendjährige Reich anzutreten, hat der Vater in Seine eigene Gewalt gesetzt (Apg 1,7). Selbst die Engel, die "ausführenden Organe" bei den Gerichten und bei der Sammlung der Auserwählten, so hoch sie auch in der Schöpfung stehen, sind nicht allwissend und kennen diesen Zeitpunkt nicht. In der Parallelstelle Markus 13,32 fügt der Herr noch hinzu, daß auch Er selbst ihn nicht kennt. Obwohl Er nie aufhörte, der allwissende Gott zu sein, hatte Er sich doch so tief erniedrigt, daß Er als Mensch sogar an Weisheit und Größe zunehmen (Lk 2,52) und in dieser Erniedrigung alles dem Vater überlassen konnte.
Zeigen uns diese Worte des Herrn nicht auch, wie töricht uns sinnlos es ist, den Zeitpunkt der Erscheinung Christi oder auch der Entrückung der Gläubigen berechnen zu wollen? Wenn es sich um die Erwartung der Versammlung handelt, gibt es überhaupt kein Ereignis oder Zeichen, das ihrer Entrückung vorausgehen müßte. Die Tatsache, daß nun fast 2000 Jahre seit dem Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha vergangen sind, bedeutet für uns nur, daß wir jetzt um so eifriger auf das Kommen unseres Herrn warten sollen! Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus?
Im Blick auf Seine Erscheinung, von der hier ja die Rede ist, werden zwar verschiedene Zeichen genannt, doch werden sie erst auftreten, nachdem die Gläubigen der jetzigen Zeit entrückt sind. Nach der Errichtung des "Greuels der Verwüstung" dauert es noch 3 fi Jahre bis zur Erscheinung des Sohnes des Menschen, aber auch diese Zeit kann wohl nicht auf die Stunde genau berechnet werden.
Die generelle Einstellung der Menschen in jener Zeit wird jedoch überhaupt nicht auf die Erwartung Christi ausgerichtet sein. Deshalb sagt der Herr Jesus hier: "Denn wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein" (Vers 37). Noah, der Prediger der Gerechtigkeit, hatte seinen Zeitgenossen das Strafgericht Gottes über die ganze Erde angekündigt. Aber sie achteten nicht auf die ernste Warnung, die von seiner Predigt ausging. "Sie aßen und tranken, sie heirateten und verheiraten - bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging und sie es nicht erkannten -, bis die Flut kam und alle wegraffte" (Vers 38 und 39). Essen, Trinken und Heiraten sind an sich ja keine bösen Dinge, sondern den Menschen von Gott gegeben. Aber die Zeitgenossen Noahs taten all dies ohne Rücksicht auf Ihn. Sie lebten ihr eigenes Leben und interessierten sich nicht für Seine warnende Stimme. So kam die große Flut für sie unverhofft. Genauso wird es nach den Worten des Herrn bei Seiner Erscheinung sein, die hier wieder wie in Vers 27 die "Ankunft des Sohnes des Menschen" genannt wird (vgl. Vers 30).
Die Geschichte Noahs wird in diesem Zusammenhang nicht von ungefähr erwähnt. Gott bewahrte ihn und die Seinen in der Arche für die gereinigte Erde, während alle übrigen Menschen in der Sintflut steren mußten. Noah und seine Angehörigen stelle somit vorbildlich diejenigen Gläubigen dar, die vom Gericht bei der Ankunft des Sohnes des Menschen verschont bleiben, um in das Tausendjährige Reich einzugehen. Noahs Vorfahr Hennoch dagegen wurde bereits vor dem großen Gericht zu Gott entrückt und ist darin ein Vorbild derjenigen Gläubigen, die vom Herrn ins Vaterhaus heimgeholt werden.
Äußerlich mögen die Menschen, die im Augenblick der Erscheinung des Herrn ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen, einander ähneln, ob es Männer bei der Arbeit draußen oder die Frauen bei der Hausarbeit sind. Aber die Boten des Herrn werden sie zu finden und zu unterscheiden wissen. Die Ungläubigen werden durch das Gericht weggenommen, diejenigen jedoch, die Ihn erwarten, bleiben auf der Erde zurück, um hier die Segnungen des Tausendjährigen Reiches zu genießen (Verse 40 und 41). Schon im Gleichnis vom Unkraut im Acker in Matthäus 13, Vers 30 und 40-43 finden wir diese Trennung von Guten und Bösen am Tag des Herrn. Zuerst wird das Unkraut zusammengelesen und gebündelt, um danach verbrannt zu werden, der Weizen dagegen wird in die Scheune gebracht. Nach der Erklärung des Herrn bedeutet dies, daß die Gesetzlosen in den Feuerofen geworfen werden und die Gerechten im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne. Auch in Kapitel 25,34 und 41 wird dies bestätigt.
Die ereignisse in Verbindung mit der Erscheinung des Herrn verlaufen also völlig anders als bei der Entrückung der Gläubigen. Wenn der Herr kommt, um die Seinen ins Vaterhaus heimzuholen, werden die Ungläubigen auf der Erde zurückbleiben, aber es findet kein Gericht statt. Bei Seiner Erscheinung dagegen werden die Ungläubigen im Gericht weggenommen, und die Söhne des Reiches bleiben auf der Erde.
Wacht also!
"Wacht also, denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt" (Vers 42). Der Abschnitt schließt mit einem erneuten Apell zur Wachsamkeit an die Angehörigen des gläubigen jüdischen Überrestes, denn ihnen gelten ja in diesem Zusammenhang die Worte "euer Herr". Die Erscheinung des Herrn Jesus bedeutet für alle, die dann wachend auf Ihn warten, Befreiung und Segen. Für die Ungläubigen wird dieses Ereignis jedoch ein schreckliches Erwachen aus dem Schlaf der Sünde sein. Darauf spielt der nun folgende Vergleich an: "Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewußt hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, daß sein Haus durchgraben würde" (Vers 43). Das Unerwartete ist hier etwas Schreckliches. Den Seinen stellt der Herr Sein Kommen zur Aufrichtung Seines Reiches niemals so vor. Für die Welt wird Er jedoch wie ein Dieb in der Nacht kommen, was uns verschiedene andere Stellen bestätigen (vgl. 1. Thess 5,2.4; 2. Pet 3,10; Off 3,3; 16,15).
Zum Schluß wendet der Herr Jesus sich nochmals an Seine Jünger. "Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen" (Vers 44). Es gilt nicht nur zu wachen, sondern auch bereit zu sein. Ihn, den Sohn des Menschen, würdig zu empfangen. Wenn sie auch an den Zeichen der Zeit das Herannahen dieses Augenblicks erkennen können, so wissen sie doch weder Tag noch Stunde geanu.
A.R.
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1 Die "messianischen Juden" der jetzigen Zeit sind, wenn sie an das Erlösungswerk Christi glauben, Glieder Seines Leibes, in dem es weder Juden noch Griechen gibt (1. Kor 12,13). Aus der Bibel ist nicht zu entnehmen, daß es in der jetzigen Zeit außerhalb der Versammlung Gottes Gläubige aus den Juden gibt. Nach der Entrückung jedoch werden die Gläubigen aus dem jüdischen Volk von denen aus den Nationen klar unterschieden (vgl. Röm 11,25.25; Off 7).
Quelle: Ermunterung und Ermahnung 1998
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