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E+E 1959
In diesem Abschnitt soll nicht etwa versucht werden zu erklären, wer Gott ist, denn das ist unmöglich, noch soll das Dasein Gottes bewiesen werden, das ist ebenfalls unmöglich! "Gott ist zu erhaben für unsere Erkenntnis" (Hiob 36,26). Es steht weit über den Verstandesschlüssen und Beweisführungen armseliger Menschen, deren Verstand zudem durch die Sünde verfinstert ist. Wem es angesichts der Schöpfung mit ihren zahllosen Wundern und uhrer herrlichen Gesetzmäßigkeit nicht klat ist, daß es einen Gott gibt, dem ist ohnehin nicht zu helfen. Ein solcher ist nicht aufrichtig, denn niemand ist als Gottesleugner geboren worden.
Es soll viel mehr eine allgemein verbreitete Vorstellung von Gott im Licht jener Heiligen Schriften untersucht werden, die sich Gottes Wort nennen. Sehr häufig hört man vom "lieben Gott" sprechen, Der voller Liebe und Güte sei und es nicht so genau mit der Sünde des Menschen nähme, Der großzügig sei und "Fünfe gerade sein" ließe. Aber in den Schriften der Bibel finden wir kein einziges Mal den Ausdruck "der liebe Gott". Zwar wird von Gott gesagt, daß Er die Welt also geliebt habe, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, und es heißt auch: "Gott ist Liebe" (1. Joh 4,8 und 16). Aber wenn der Ausdruck "der liebe Gott" richtig wäre, dann wäre Gott nur durch Liebe gekennzeichnet; eine andere nennenswerte Eigenschaft fände sich da nicht bei Ihm. Nach der Lehre der Schrift ist es aber nicht so, sondern Gott ist auch "Licht", d. h. heilig (1. Joh 1,5). Es schrieb einmal jemand: "Die Vereinigung verschiedener Tugenden verrät Charakter" (Bellet: Die Welt vor der Flut und die Patriarchen, S. 125; Verlag E. Paulus, Neustadt/Weinstr.). Wenn dies nun im Blick auf die Menschen schon wahr ist, wieviel mehr erst hinsichtlich Gottes.Außer in Seiner Größe und Majestät, Seiner Allmacht und Weisheit wird in der bibel Gott auch in Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, und auch in Seiner Liebe und Gnade gezeigt. Es ist somit ganz unzulässig und muß zu falsche Gedanken führen, wenn man die Heiligkeit Gottes aus dem Auge läßt. Im Todesjahre des Königs Ussija sah der Prophet den Herrn auf hohem und erhabenem Throne sitzen. Seraphim riefen einer dem anderen zu: "Heilig, heilig, heilig ist Jehova der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!" (Jes 6.) Der in Sünde versunkene Mensch, weil er sich verurteilt fühlt, sucht sich einzureden, daß Gott die Sünde übersehen würde. Aber Gott ist und bleibt heilig, kann also die Sünde nicht unbeachtet lassen; Seine Gerechtigkeit verlangt das Gericht über die Sünde und die Bestrafung dessen, bei dem sie sich findet. Auch in der Geschichte der Völker und Menschen findet man vei vorurteilsloser Betrachtung das Walten der göttlichen Gerechtigkeit. Untaten, Gesetzlosigkeiten und Verbrechen sind, wenn auch oft nach längerer Zeit, auf den Kopf dessen zurückgekehrt, der sie verübt hat, so daß der Dichter Schiller, der auch Geschichtsprofessor war, gesagt hat: Es rächt sich jede Schuld auf Erden. Die Heilige Schrift sagt: "Wisset, daß eure Sünde euch finden wird" (4. Mo 32,23). Gott kann unmöglich dem Bösen gegenüber schweigen, wenn Er auch den Übeltäter eine Zeitlang mit Geduld erträgt, um ihm Zeit zur Umkehr zu geben, denn Er ist "langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit" (2. Mo 34,6). Auch in dieser Bibelstelle finden wir, wenn wir in Ehrfurcht so sagen dürfen, die beiden Seiten des Wesens Gottes: Güte und Wahrheit. Niemand möge sich über diese wichtige Tatsache hinwegtäuschen, daß Gott Licht ist, daß dieses göttliche Licht alle Ungerechtigkeiten, alle Sünden und Fehltritte aufdeckt, und daß die göttliche Gerechtigkeit die notwendigen Schlußfolgerungen hieraus zieht, daß sie also das Gericht über die Sünde ausführen muß. Dies bezeugt ja die Bibel im Alten und im Neuen Testament auf das entschiedenste.
Auf diesen Hintergrund erscheint die Liebe Gottes um so erhabener, diese Liebe, die den eigenen Sohn hingab an Stelle des schuldigen Menschen richtete. Wie bewunderungswürdig ist doch diese Liebe! Wer an ihr achtlos vorübergeht, tut es zu seinem eigenen Verderben. Wie ungeziemend und böse ist es doch, wenn der blinde Mensch Gott für die Folgen verantwortlich macht, die der Mensch durch seine Tücke und Bosheit sowie durch seine Unbelehrbarkeit selbst heraufbeschworen hat! Wie traurig, daß der Mensch in seiner Verworfenheit das Wort wider den heiligen Geist nimmt, wie schon Kain nach dem Brudermorde die Frage Gottes: Wo ist dein Bruder Abel? mit einem trotzigen: Ich weiß nicht; bin ich meines Bruders Hüter? beantwortete! Wie man so oft sagen hört: Wenn es einen Gott gibt, wie kann Er dieses und jenes Schreckliche zulassen, wie konnte Er den furchtbaren Krieg zulassen? Als wenn Gott nicht immer wieder zu dem armen und unglücklichen Menschen redete und ihn warnte und aufzuhalten suchte! Gott ist doch nicht verpflichtet, alles das, was der Mensch in seiner Verblendung und in seinem Ungehorsam verkehrt macht, wieder in Ordnung zu bringen. Wenn man ehrlich ist, muß man zugeben, daß eine solche Sprache nicht aus einem aufrichtigen Herzen kommt, sondern daß man trotzig ist und sein Unrecht nicht einsehen will. Wenn man ehrlich ist, wird man zunächst seine eigenen Handlungen und Wege überprüfen und sich dann selbst die Verantwortung für alles aus ihnen hervorgegangene Unheil zusprechen. Hat man die Wahrheit erkannt, so wird man die Gnade Gottes dankbar Herzens annehmen und bei ihr Vergebung nachsuchen. Auch über Völker läßt Gott die Katastrophe eines furchtbaren Krieges erst hereinbrechen, nachdem alle Mahnungen und Warnungen Gottes von ihnen nicht beachtet wurden. Auch die jüngste Geschichte des deutschen Volkes ist dafür ein Beispiel.
Der Gedanke an einen "lieben Gott", Der in Seiner Milde das Böse übersieht, ist also ein furchtbarer Irrtum im Lichte der Heiligen Schrift; der Mensch will damit alle unbehaglichen Gefühle im Blick auf deie Heiligkeit Gottes beiseite schieben, um in seinem Sündenleben ungestört verharren zu können. Wie furchtbar wird das Erwachen all derer sein, die so sterben und sich dann vor den Richterstuhl des heiligen Gottes gestellt sehen, "welcher auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Ratschläge der Herzen offenbaren wird" (1. Kor 4,5)!"Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, auf daß ein jeder empfange, was er in dem Leibe getan, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses" (2. Kor 5,10). Dann aber ist es zu spät, dem unausbleiblichen Gericht Gottes zu entfliehen. Ihnen gilt heute noch das Wort aus Römer 2: "Oder verachtest du den Reichtum seiner Gütigkeit und Geduld und Langmut, nicht wissend, daß die Güte Gottes dich zur Buße leitet? Nach deiner Störrigkeit und deinem unbußfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf am Tage des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes, welcher einem jeden vergelten wird nach seinen Werken" (Rö 2,4-6).
Wie wichtig ist es daher für jeden, dessen Sündenschuld noch nicht ausgetilgt und von ihm entfernt ist, in Buße und Glauben seine Zuflucht zu dem Erlöser Jesus Christus und Seinem vollbrachten Werke auf Golgatha zu nehmen! Jesus Christus sagt: "Wer an den Sohn glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm" (Joh 3,36).
Die Nichtbeachtung der Heiligkeit Gottes geht mit völliger Unkenntnis Seiner Regierungswege mit dem Menschen Hand in Hand. Unter den Regierungswegen Gottes versteht man, daß Gott von Seinem im Blick auf eine Person, eine Stadt oder ein Volk gefaßten Plan abgeht, wenn die Person oder das Volk den bisherigen geraden Weg verläßt. Er bringt z.B. statt des zugedachten Segens das Gericht über ein Volk; ein anderes Mal hebt Er ein beabsichtigtes Gericht auf.
Ein auffälliges Beispiel für die Regierungswege Gottes finden wir in der Geschichte des Volkes Israel, das "Jehova erwählt hat, Ihm zum Eigentumsvolk zu sein aus allen Völkern" (5. Mo 7,6; 14,2). Schon zu Abraham sagte Gott: "... in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!" (1. Mo 12,3.) Gott gebot dem Volke Israel, daß es in Seinen Wegen wandeln und fleißig auf Seine Stimme hören sollte. Aber das Volk Israel, das allein die Kenntnis des einen wahren Gottes hatte, verfiel in Götzendienst, wie ihn auch die anderen Völker ausübten. Gott suchte das Volk wieder zu Sich zurückzubringen, indem Er ihm Richter erweckte und später Propheten sandte; auch ließ Er Strafen über das abtrünnige Volk kommen. Die Geschichte der jahrhundertelangen Bemühungen Gottes um die Weiderherstellung Israels ist geradezu rührend. Aber alles war vergeblich. In 2. Chron 36, 15-16 heißt es: "Und Jehova, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen durch seine Boten, früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung. Aber sie verspotteten die Boten Gottes und verachteten seine Worte und äfften seine Propheten, bis der Grimm Jehovas gegen sein Volk stieg, daß keine Heilung mehr war".
Gott brachte also endlich das Gericht über Sein Volk. Das Zehnstämme-Reich, das sich früher verderbt hatte als das Zweistämme-Reich Juda, wurde durch Salmaneser in die assyrische Gefangenschaft geführt, und niemand weiß bis heute, wo dieses Volk geblieben ist. 115 Jahre später kam auch das Gericht über das Reich Juda. Der König Nebukadnezar begann mit der Wegführung der Kinder Juda; die Mauern Jerusalems, seine Paläste sowie der Tempel wurden zerstört und die Juden in die babylonische Gefangenschaft gebracht, und damit begannen "die Zeiten der Nationen" (Lk 21,24), d. h. die Herrschaft der Nationen.
Nach siebzigjähriger Gefangenschaft kehrte ein Teil des jüdischen Volkes infolge eines Erlasses des persischen Königs Cyrus in das Land seiner Väter zurück. Aber zu nationaler Selbständigkeit ist das Volk der Juden nie mehr gelangt; es befand sich von da an stets unter der Oberhoheit eines der vier Weltmächte. Anstatt die erste, das "Haupt" der Nationen zu sein, wurden sie zum letzten oder zum "Schwanz" der Völker (5. Mo 28,13.44). Und als das Volk den ihm von Gott verheißenen König Jesus Christus verwarf und Ihn durch die Hand der Römer kreuzigen ließ, kam über die schuldige Nation Gottes Gericht, allerdings erst, nachdem Gott in Gnaden dem Volke noch etwa 40 Jahre Zeit zur Umkehr gegeben hatte. Im Jahre 70 nach Christus wurde Jerusalem mitsamt dem inzwischen aufgebauten Tempel durch die Römer unter dem Feldherrn Titus zerstört; das Blut der schuldigen Bewohner Jerusalems floß in Strömem; die Überlebenden wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut und haben seitdem aufgehört ein Volk zu sein.
So hat Gott in Seinen Regierungswegen über das auserwählte Volk statt des zugedachten Segens den Fluch bringen müssen. DAß Gott die dem Abraham, Isaak und Jakob gegebenen Verheißungen schließlich doch wahrmachen wird, ist eine andere Sache, von der hier jedoch nicht gesprochen werden soll. In dem Vorstehenden sollten lediglich die Regierungswege Gottes mit Israel beleuchtet werden, die aufs deutlichste zeigen, daß Gott heilig ist und den Schuldigen keineswegs für schuldlos hält (2. Mo 34,7).
Die Tatsache, daß die heilige Majestät und die Gerechtigkeit Gottes außerachtgelassen wurde, wie dies in dem Wort vom "lieben Gott" so deutlich zum Ausdruck kommt, hat außerordentlich zum Verfall der Christenheit beigetragen. Ein solch charakterschwacher Gott erheischte keine Rücksichtnahme, man rechnete praktisch bei seinen Entscheidungen und Wegen nicht mehr mit Ihm, so daß Sein Einfluß auf das praktische Leben des einzelnen und der Völker gleich Null war. Von hier bis zur offenen Gottesleugnung ist nur noch ein kleiner Schritt. Der Atheismus verkündete als Lehre das, was im täglichen Leben in Grunde längst wirksam geworden war. Die Gottesleugner, die sich noch inmitten der Christenheit befinden und sich oftmals von dem Christentum äußerlich nicht getrennt haben, stehen in religiöser Hinsicht unter den Heiden, die immerhin glauben, daß die Götter Gutes belohnen und Böses bestrafen.
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